13.10.2020 /
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Westafrika: Christen erleiden zunehmend Gewalt und Vertreibung

Zahl der Binnenflüchtlinge in der Sahelregion steigt dramatisch

Zwei Experten der Region schilderten bei einer Veranstaltung der internationalen christlichen Hilfsorganisation Open Doors in Wien die erschütternde Situation für Christen in den nördlichsten Staaten Subsahara-Afrikas. Die anfangs auf den islamisch geprägten Norden beschränkte Radikalisierung droht sich auf südlich gelegenere Länder auszubreiten und Sicherheit und innere Stabilität der Staaten zu bedrohen.

Wien, 13. Oktober 2020. – Westafrika, die Region zwischen Sahara und dem Atlantik, wird vermehrt von dramatischen Entwicklungen erschüttert. Die Länder der Sahelregion, die im Norden von der Sahara und den arabischen, muslimischen Staaten Nordafrikas begrenzt sind, gehören großteils zu den ärmsten der Welt. Die südlichen Länder in der Küstenregion haben eine mehrheitlich christlich geprägte Bevölkerung. Die Sicherheitslage in der gesamten Region Westafrika verschlechtert sich zusehends.

Christen unter Druck
Illia Djadi, langjähriger BBC-Journalist und Experte für Menschenrechte und internationale Beziehungen der frankophonen Staaten Westafrikas, zeigte in seinem von Open Doors organisierten Vortrag die Entwicklung in den vergangen Jahren auf. So sei in den Ländern, in denen Angehörige unterschiedlicher Religionen jahrzehntelang friedlich zusammengelebt hatten, eine stetige Veränderung der Gesellschaft und des sozialen Zusammenhalts erkennbar. Seit ab 1990 Pluralismus und demokratische Freiheiten Fuß gefasst hätten, gewannen zugleich auch radikal-islamische Gruppen Raum und beeinflussten die bisher vorherrschenden toleranten Ausprägungen des Islam. „Dieser Islam war jetzt ganz anders als der Islam, mit dem wir in der Region bereits gelebt hatten. Die Führer waren gut ausgebildet, in Ägypten oder Saudi-Arabien, sie legten den Koran sehr streng aus, sie hatten eine starke Ideologie und eine klare Agenda: Afrika soll islamisch werden, notfalls auch mit Gewalt. Das ist das neue Gesicht des Islam“, erklärt Djadi.
Die Unruhen in Niger nach dem Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift ‚Charlie Hebdo‘ im Jänner 2015 illustrierten diese Zuspitzungen. Auf die Beileidsbekundungen des nigerischen Präsidenten und die Tatsache hin, dass er sich ebenfalls mit der Solidaritätsaktion ‚Je suis Charlie‘ identifiziert hatte, riefen islamische Führer in Niger dazu auf, christliche Kirchen zu zerstören. So wurden innerhalb eines Wochenendes mehr als 100 Kirchen, rund 90% der Gotteshäuser im Land, vom wütenden muslimischen Mob mutwillig beschädigt oder niedergebrannt.

„Das Land brennt“
Djadi konstatiert, dass sich militante islamische Gruppen mittlerweile über einen großen Teil des Kontinents ausbreiteten, ihre Einflussgebiete stetig erweiterten und sie in zahlreichen Regionen aktiv seien. Mali, ebenfalls ein Binnenstaat der Sahelregion, habe in den Jahren 2012 bis 2019 eine deutliche Zunahme der aktiven radikal-islamischen Gruppen erlebt, die vielfach Verbindungen zu Al Qaida oder dem IS hätten. Besonders aktiv sei auch die bereits aus Nigeria bekannte Gruppe Boko Haram. Im vergangenen Jahr allerdings, von Februar 2019 bis Februar 2020, seien die Angriffe exponentiell angestiegen: „Es ist, als würde das gesamte Land brennen.“

Burkina Faso war jahrzehntelang beispielhaft für friedliches Zusammenleben verschiedener Religionen und Völker. Im Jahr 2019 wurde das Land jedoch durch zahlreiche Anschläge, anfangs vorwiegend in der Grenzregion zu Mali, erschüttert. Die Gruppen breiten sich aus, bis heute wurden zahlreiche Kirchen zerstört, Kirchenleiter oftmals getötet, die Menschen vertrieben. 2500 Schulen mussten geschlossen werden, 300.000 Kinder sind betroffen, ganze Dorfgemeinschaften verlassen ihre zerstörten Häuser und Felder. „Der Norden Burkina Fasos ist heute leergefegt von Christen, die Zahl der Binnenflüchtlinge stieg von 500.000 im Jahr 2019 auf über eine Million heute“, beschreibt Djadi die immense Dynamik dieser Entwicklung.

Brennpunkt Nigeria
Nigeria ist bereits seit vielen Jahren von Anschlägen und Gewalt radikal-islamistischer Gruppen betroffen, allen voran von Boko Haram mit Verbindungen zu Al Qaida. Suliman, der aus Sicherheitsgründen in der Öffentlichkeit unter einem Pseudonym spricht, ist seit 20 Jahren in Nordnigeria in Nothilfe- und Entwicklungshilfeprojekten sowie Traumabewältigung tätig. In seinem Vortrag im Rahmen der Veranstaltung von Open Doors zeichnete er ein detailliertes Bild der aktuellen Situation in Nordnigeria. So sei die Bedrohung durch Boko Haram mittlerweile übertroffen durch die Übergriffe von marodierenden Fulani-Hirten. Die halbnomadisch als Viehhirten lebende Volksgruppe ist beinahe gänzlich muslimisch. Von islamistischen Gruppen ausgebildet, mit hochwertigen Waffen ausgerüstet, griffen sie Dörfer an, erschössen wahllos die christlichen Bewohner, zerstörten Felder und Lebensmittelvorräte.

„In jedem Konflikt gibt es auch wirtschaftliche Ziele, natürlich spielen sie auch in Nordnigeria eine Rolle. Doch die wichtigste Motivation in den Anschlägen ist religiös begründet. Diese Gruppen kämpfen den Jihad, sie haben ganz klar das Ziel, dass Christen sich den Regeln des Islam unterwerfen. Das heißt, dass sie Muslime werden. Das ist die einzige Bedingung, damit sie aufhören.“, erteilt Suliman dem Erklärungsversuch eine Absage, es wären Konflikte zwischen Hirten und Bauern um Weide- oder Ackerland. „Die Menschen leben in ständiger Bedrohung, Frauen sind besonders gefährdet. Sie werden Ziel von Entführungen, oder sie bleiben alleine, ohne wirtschaftliche Grundlage und schwer traumatisiert zurück, wenn ihr Mann getötet wurde. Die Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage, Perspektiven, sozialen Zusammenhalt und Sicherheit“, schildert er die verzweifelte Situation der Christen in Nordnigeria.

Innere Stabilität der Staaten gefährdet
„Die Entwicklung in Nigeria ist bedeutend für die gesamte Region. Wenn die Kirche in Nigeria zerstört wird, dann ist ganz Westafrika betroffen“, sieht Suliman Auswirkungen weit über die Landesgrenzen hinaus. So sei die Sicherheitslage und die Möglichkeit der Existenz einer pluralistischen Gesellschaft des bevölkerungsreichsten Staates und der größten Volkswirtschaft Afrikas grundlegend für die Perspektiven des Kontinents.

Der islamistische Einfluss, der sich anfangs auf die vorwiegend islamisch geprägten Länder im Norden der Sahelregion erstreckte, breite sich nun auf die mehrheitlich christlichen Nationen der Küstenregion Westafrikas aus, erklärt Illia Djadi. Häufig wären die Staaten selbst in ihrem Gefüge bedroht, die innere Stabilität und die Sicherheit in Frage gestellt. Die islamistischen Gruppen seien sehr gut organisiert, ausgerüstet und finanziert. Oftmals seien sie in die Abwicklung des Schmuggels von Waffen, Drogen und Menschen involviert, deren Routen sich durch die Sahelregion und die Sahara nach Nordafrika und letztlich Europa zögen. Dem könnten die staatlichen Sicherheitsapparate und Autoritäten wenig entgegensetzen.

Die staatlichen Einrichtungen könnten daher ihrer Aufgabe, den Schutz der Zivilbevölkerung zu gewährleisten, nicht gerecht werden. „Es geht hier ganz grundsätzlich um die Wahrung der Menschenrechte, um das Recht jedes Menschen auf ein Leben in Freiheit und Sicherheit. Dieses Menschenrecht ist massiv bedroht“, fasst Djadi zusammen. „Gezielte individuelle Sanktionen gegen Entscheidungsträger der involvierten Gruppen und Regierungen könnten Druck genau dort ausüben, wo er etwas bewirkt, ohne die ohnehin notleidende Bevölkerung zu treffen“, zeigt der Experte für Subsahara-Afrika einen möglichen Handlungsansatz auf.

Auf dem Weltverfolgungsindex 2020 liegt Nigeria auf Rang 12, Burkina Faso auf 28, Mali auf 29 und Niger an 50. Stelle unter den Ländern, in denen Christen am stärksten wegen ihres Glaubens verfolgt werden.