24.09.2021 /
Syrien
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Syrien: Nazek lernt, im Krieg zu überleben

Nazek Shehadeh (67) aus Irbin, Syrien, verlor ihr Zuhause und ihre Arbeit. Sie musste in eine andere Stadt fliehen, wo ihr Mann an einer Depression erkrankte. Aber Nazek hat die Hoffnung nie aufgegeben.

Das neun Kilometer vom Stadtzentrum von Damaskus entfernte Irbin bietet einen erschütternden Anblick. Das Ausmaß der Zerstörung ist unbeschreiblich. Irbin, an der Frontlinie des Krieges, zählte 2011 rund 70.000 Einwohner, heute liegen ganze Viertel in Trümmern.

Irbin befand sich plötzlich unmittelbar an der Front des syrischen Krieges, als der Vorort der syrischen Hauptstadt am 19. Juli 2012 unter Beschuss geriet und bombardiert wurde. Die syrische Regierung versuchte, die Kontrolle über das Gebiet wiederzuerlangen, und die Bevölkerung geriet ins Kreuzfeuer. Irbin blieb mehrere Jahre lang unter der Kontrolle der Rebellen.

»Wir hatten zehn Minuten Zeit, um zu fliehen«

Vom ersten Tag des Krieges an erwies sich Nazek als eine starke Frau. Die Mitglieder ihrer Kirche kontaktierten einander und versammelten sich im Untergeschoß der St. Georgskirche. Etwa 100 der 970 Christen der Stadt fanden dort zusammen.

»Der Unterschlupf befand sich direkt unter unserem Gebäude. Zwischen den Bombenangriffen rannte ich nach Hause, um wichtige Dinge wie einen Erste-Hilfe-Kasten, Wasser und Lebensmittel für alle zu holen. Angst und Panik erfüllte die Menschen«, sagt Nazek.

Dann verkündeten die Rebellen früh am Abend, dass die Einwohner von Irbin zehn Minuten Zeit hätten, um die Stadt zu verlassen. Die Menschen weinten und schrien vor Angst. Sie verließen den Unterschlupf in aller Eile, um ihre Wertsachen zu packen und zu fliehen.

Gott lässt uns nicht im Stich

Es war für alle schwierig, alles zu verlieren. »Ich musste stark sein. Ich war es gewohnt, anderen Trost zuzusprechen und sagte oft: ›Wir schaffen das schon, habt keine Angst. Gott wird uns nicht im Stich lassen.‹« Nazek und ihr Mann zogen nach Damaskus zu Nazeks Mutter.

»Mein Mann stand unter Schock. Er wurde mit der Veränderung nicht fertig und verfiel in eine Depression. Ich erwachte nachts und hörte ihn weinen. Ich versuchte, ihn zu trösten, aber er war verzweifelt. Tatsächlich machten die meisten christlichen Männer in Irbin nach dem Bombenangriff eine Phase der Depression durch«, erinnert sich Nazek.

Irbin wurde im März 2018 aus der Kontrolle der Rebellen befreit. Nazek träumte davon, zurückzukehren und ein Geschäft zu eröffnen. Verheiratete syrische Frauen arbeiten normalerweise nicht, aber da Nazeks Mann nicht in der Lage war, die Familie zu versorgen, suchte Nazek eine andere Lösung.

Mithilfe ihrer Kirche präsentierte sie einem lokalen Partner von Open Doors ein Projekt. Es wurde genehmigt und Nazek konnte im März 2020 ein Geschäft zur Vermietung von Damenkleidung für festliche Anlässe eröffnen. Nazek arbeitete hart, um ihr Ziel zu erreichen.

Die Kleider in Nazeks Geschäft sind schön und farbenfroh. »Ich vermiete festliche Kleidung an Frauen, die sich das nicht leisten können. Vor allem in der aktuellen Wirtschaftskrise können die meisten Frauen kein teures Kleid kaufen, das sie nur einmal tragen werden.«

Projekte zum Wiederaufbau

In den Jahren 2019 und 2020 unterstützte Open Doors in Syrien 1734 Lebensunterhaltsprojekte, um Menschen wie Nazek zu helfen. In Irbin konnten mithilfe von Open Doors auch der Gemeindesaal und zwei Sonntagsschulräume wieder instandgesetzt werden.