01.06.2022 /
Jemen
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Jemen: Christen im Bürgerkriegsland marginalisiert

Trotz katastrophaler Versorgungslage häufig von Lebensmittelhilfe ausgeschlossen

Auch während des zweimonatigen, brüchigen Waffenstillstands im kriegsgebeutelten Jemen werden die Christen im Land weiterhin an den Rand gedrängt. Nach Beobachtung der Open Doors-Analystin für die Region, Henriette Kats, sind sie deutlicher Diskriminierung ausgesetzt.

Der jemenitische Bürgerkrieg begann 2014, als sich die Huthis, eine schiitische muslimische Minderheit, aus Frustration über die Politik des Regimes von Präsident Abdrabbuh Hadi mit dem Militär verbündeten und die Kontrolle über die Hauptstadt Sana'a übernahmen. Die Folge waren bisher fast 100.000 Tote, 250.000 Vertriebene und die Tatsache, dass fast 80 Prozent der Bevölkerung dringend humanitäre Hilfe benötigen. Im vergangenen Monat trat ein Waffenstillstand zwischen den mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen und der jemenitischen Regierung in Kraft, der es Hilfsorganisationen ermöglicht, endlich dringend benötigte Hilfsgüter in die Region zu liefern.

Christen von Nothilfe ausgeschlossen

Die jemenitischen Christen können davon jedoch nicht profitieren. Die christliche Kirche besteht mehrheitlich aus jemenitischen Familien mit einem muslimischen Hintergrund, die ihren Glauben im Geheimen leben müssen. Falls sie entdeckt werden, laufen sie Gefahr, von den Behörden verhört und inhaftiert zu werden. Zusätzlich geraten sie in ihrem familiären Umfeld und durch radikal islamische Gruppierungen ins Visier und werden von ihnen unter großen Druck gesetzt, zum Islam zurückzukehren. Leisten sie nicht Folge, werden sie mit dem Tod bedroht.
»Christen mit muslimischem Hintergrund, die um Nothilfe bitten, stehen in Gefahr, Diskriminierung und Misshandlung zu erleben, wenn ihr Glaube bekannt wird«, sagt Kats. »Ihre Namen können von den Verteilerlisten für die Hilfsleistungen gestrichen werden, vor allem, wenn die Hilfe über örtliche Moscheen verteilt wird, wo anhand des Moscheebesuchs überprüft werden kann, ob jemand ein guter Muslim ist oder nicht.«
Häufig erfolge die Verteilung durch Stammesführer, erklärt Kats. Die Art und Weise, wie der Zugang zu Nothilfe gewährt wird, stelle die jemenitischen Christen vor zahlreiche Herausforderungen.

Situation noch sehr unsicher

Die Verteilung der humanitären Hilfe ist oft auf die größeren Städte beschränkt, was dazu geführt hat, dass viele Menschen in diese Städte gezogen sind und auf der Straße leben. Diejenigen, die in kleineren Städten und Dörfern verbleiben, sind besonders stark von der humanitären Krise bedroht.
»Viele Jemeniten haben auf den Waffenstillstand mit Vorsicht reagiert«, sagt David Landrum, Direktor für Advocacy bei Open Doors in Großbritannien. »Die Situation ist immer noch sehr unsicher, und die Menschen hoffen, dass der Waffenstillstand lange genug anhält, damit die dringend benötigte Hilfe in ausreichender Menge die jemenitische Bevölkerung erreichen kann.«
Der Waffenstillstand hat es Abdrabbuh Mansour Hadi, der seit 2012 als Präsident amtiert, ermöglicht, sein Amt offiziell an einen achtköpfigen Präsidentenrat zu übergeben. Rashad al-Alimi, der zuvor als stellvertretender Premierminister fungierte und nun dem neuen Rat vorsitzt, hat versprochen, sich für die Beendigung des Krieges, die wirtschaftliche Stabilisierung und die Linderung der humanitären Krise einzusetzen.

Auf Glaubenswechsel kann Todesstrafe verhängt werden

Der Jemen liegt auf Platz fünf des Weltverfolgungsindex von Open Doors, der Liste von den 50 Ländern, in denen Christen am stärksten verfolgt werden.
Mindestens 95 Prozent der jemenitischen Christen sind Konvertiten aus dem Islam. Die Verfassung erklärt den Islam zur Staatsreligion und die Scharia zur Quelle aller Gesetze. Das Bekenntnis zu anderen Religionen als dem Islam ist verboten, und Muslimen ist es untersagt, zu einer anderen Religion überzutreten. Jemeniten, die den Islam verlassen, können mit der Todesstrafe belegt werden.