06.07.2020 /
Indien
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Indien: Zwischen Mythos und Wirklichkeit

Vikas* ist ein Gemeindeleiter aus Indien. Bei einem kleinen Gebetstreffen betete er für jene, die gekommen waren, um Heilung zu suchen. Plötzlich unterbrach die Polizei das Treffen und sagte: «Du bekehrst Menschen zum Christentum. Du sprichst gegen unsere Götter und Göttinnen.» In Indien werden Anti-Bekehrungsgesetze zunehmend zu einem Instrument der Verfolgung.

Was Vikas widerfahren ist, wird in Indien immer üblicher. Es ist eine Reaktion der Hindu-Mehrheit auf den Mythos, dass Zwangsbekehrungen auf dem Vormarsch sind. Dahinter verbirgt sich der Kern der «Hindutva» Ideologie: Wenn du nicht Hindu bist, bist du kein Inder. Die ultranationalistischen Hindutva-Befürworter behaupten, dass die Armen und Schwachen durch kostenlose Bildung, Nahrung und humanitäre Methoden leicht getäuscht werden. Deshalb müsse die Regierung die schwachen Hindus schützen.


Acht indische Bundesstaaten haben Anti-Bekehrungs­gesetze in Kraft: Während das Gesetz von Arunachal Pradesh noch nicht vollständig umgesetzt ist, wartet in Himachal Pradesh ein strengeres Gesetz auf seine Unterzeichnung. Rajasthan verabschiedete ein Anti-Bekehrungsgesetzt, das noch vom indischen Präsidenten unterzeichnet werden muss.

Die Gesetze
In acht Staaten sind Anti-Bekehrungsgesetze in Kraft: Odisha (seit 1967), Madhya Pradesh (1968), Arunachal Pradesh (1978), Chhattisgarh (2000), Gujarat (2003), Himachal Pradesh (2006), Jharkhand (2017) und Uttarakhand (2018). Uttar Pradesh, der mit 200 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Bundesstaat Indiens, plant ein neues ­Anti-Bekehrungsgesetz, das die freie Wahl der eigenen religiösen Überzeugung stark einschränkt.
Acht indische Bundesstaaten haben Anti-Bekehrungs­gesetze in Kraft: Während das Gesetz von Arunachal Pradesh noch nicht vollständig umgesetzt ist, wartet in Himachal Pradesh ein strengeres Gesetz auf seine Unterzeichnung. Rajasthan verabschiedete ein Anti-Bekehrungsgesetzt, das noch vom indischen Präsidenten unterzeichnet werden muss.

Nationale Nachrichtenquellen berichten ausserdem über einen Entwurf für ein ­nationales Anti-Bekehrungsgesetz, das von der Hindu-nationalistischen BJP-Partei vorangetrieben wird.

Während der Wortlaut der Gesetze jeweils unterschiedlich ist, ist die ­allgemeine Aussage in etwa: «Niemand darf direkt oder indirekt durch Gewaltanwendung, Verlockung oder betrügerische Mittel eine andere Person von einer Religion zur anderen bekehren oder versuchen, sie zu bekehren.»

Falsche Anschuldigungen
Vikas konnte sich verteidigen: «Fragt die Leute hier. Ich zwinge sie nicht, Christen zu werden. Diese Menschen kommen hier her, weil sie Heilung ­brauchen.»

Als niemand gegen Vikas aussagen wollte, ging die Polizei. Doch später kamen Journalisten und schrieben Geschichten, in denen sie Vikas beschuldigten, andere durch Täuschung zum Christentum zu bekehren. An einem Abend, an dem 50 Menschen für Heilungsgebete gekommen waren, verhaftete die Polizei Vikas.

Die Wirklichkeit
Auf den ersten Blick scheinen diese Gesetze die Bevölkerung vor «erzwungener Bekehrung» zu schützen. In Wirklichkeit jedoch schränken sie die religiöse Freiheit stark ein und werden häufig zur Diskriminierung religiöser Minderheiten eingesetzt, insbesondere von Christen und Muslimen.

In vielen Teilen Indiens wird der Übertritt zum Glauben einer religiösen Minderheit oder dessen Verbreitung als «erzwungen» oder «genötigt» eingestuft, obwohl die Gewissens- und Religionsfreiheit in der Verfassung geschützt ist.

Dies führt zu wachsender religiöser Intoleranz und Hass, wovon christliche Leiter in ländlichen Gebieten wie Vikas die Hauptlast tragen.

Hier einige entscheidenden Fakten zu den Anti-Bekehrungsgesetzen:

» Es gibt nur wenige Verurteilungen, aber eine beträchtliche Zahl von Verfahren gegen religiöse Minderheiten, was den weit verbreiteten Missbrauch dieser Gesetze zur Verfolgung religiöser Minderheiten zeigt.
» Begriffe in den Gesetzen sind zweideutig, sodass selbst «Formen der humanitären Hilfe, die als normaler Teil der Mission einer Kirche durchgeführt werden», das Anti-Bekehrungsgesetz verletzen können.
» Ein kürzlich veröffentlichter Forschungsbericht zeigt, dass sich die Gewalt gegen Christen in den acht Staaten mit Anti-Bekehrungsgesetzen konzentriert.
» Die gewaltsame oder betrügerische Bekehrung zum Hinduismus scheint von allen bestehenden Anti-Bekehrungsgesetzten ausgenommen zu sein, entweder weil die Polizei sich weigert, das Gesetz gleichermassen anzuwenden, oder weil das Gesetz eine Bekehrung zum Hinduismus explizit ausschliesst.
 
Für Indien einstehen
Im Rahmen unseres Engagements – zum Beispiel durch die Kampagne «Impact Indien» – ruft Open Doors die internationale Gemeinschaft auf, Schritte zu unternehmen, um die Achtung der Grundrechte aller Inder, einschliesslich der religiösen Minderheiten, zu sichern.

Unsere lokalen Partner konnten Vikas am folgenden Tag gegen Kaution aus dem Gefängnis holen. Die Polizei reichte keine Anzeige ein. Wenn Christen jedoch angezeigt werden, bieten unsere Partner juristische Hilfe. Vielen Dank für Ihre Gebete und Ihre Unterstützung! /

* Name geändert

Magazin Juli 2020– Auszug