27.10.2022 /
Kamerun
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Dschihadistische Gewalt macht nicht an den Grenzen Kameruns halt

Jede Woche verzeichnen die Partner der NGO Open Doors im Norden des Landes mehrere tödliche Angriffe.

Obwohl Nigeria weiterhin die schreckliche Rangliste der dschihadistischen Gewalttaten anführt, sind auch weitere große Gebiete in ganz Subsahara-Afrika das Ziel islamistischer Gruppierungen. Innerhalb von fünf Jahren wurde der Norden Kameruns von radikalisierten Bewegungen des Islams erschüttert. Das Grenzgebiet zu Nigeria ist besonders betroffen.

Im Jahr 2021 starben in Nigeria 4.650 Christen aufgrund religiös motivierter Gewalt. In Kamerun sind die Zahlen niedriger: Sie liegen unter 100 im Jahr 2021. Dennoch hat in den letzten Jahren die Unsicherheit, die durch die von der militanten islamischen Gruppe Boko Haram durchgeführten Angriffsserien im äußersten Norden Kameruns hervorgerufen wurde, zu einem Aufschwung ziviler Selbstverteidigungsgruppen geführt. Diese versuchen, die Abwanderung der Dorfbevölkerung aus dem hohen Norden des Landes einzudämmen.

Exil aus religiösen Gründen

Seit 2014 wurden durch die Konflikte im äußersten Norden Kameruns 270.000 Menschen vertrieben. »Einige Dörfer in der Region Tourou sind nach den Angriffen seit Wochen menschenleer. Die Bewohner, die versucht haben, dorthin zurückzukehren, um ihre Habseligkeiten mitzunehmen, wurden sofort von Boko Haram angegriffen«, berichtet Pastor James (Name geändert), der als Partner der überkonfessionellen christlichen Hilfsorganisation Open Doors vor Ort arbeitet. »Allein in der letzten Woche hat Boko Haram zwei Dörfer in der Umgebung angegriffen. Jedes Mal starben Zivilisten, und das passiert jede Woche«, sagt er, während er mit der Geolocation-App seines Smartphones auf die betreffenden Dörfer zoomt. »Diese Angriffe haben eine unbestreitbare religiöse Dimension, denn Boko Haram zielt insbesondere auf Dörfer mit einer großen christlichen Mehrheit und auf Kirchen ab«, schlussfolgert er.


Seine Aussage stützt die Daten von Open Doors, wonach das Land im Jahr 2020 zum ersten Mal in den Kreis der 50 Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden, rückte, mit deutlich aufsteigender Tendenz.

Die Regierung verharmlost

Angesichts dieser Situation »spielt die kamerunische Regierung die Situation dennoch herunter und wiederholt, dass die Soldaten ihrer Armee die Situation unter Kontrolle haben. Sie möchte den Status eines ›sicheren Landes‹ in Afrika behalten und nicht mit ihren instabilen Nachbarn wie Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik in Verbindung gebracht werden«, fasst Pastor James zusammen. »Das Militär ist den Islamisten, die gut bewaffnet sind und auf Motorrädern auftauchen, nicht gewachsen. Bis sie alarmiert werden und eingreifen, können die Soldaten der Armee, die in Jeeps auf zerfurchten Straßen unterwegs sind, nur noch die Brände und ihre eigene Ohnmacht feststellen.« Pastor James sagt weiter, dass Boko Haram viele Opfer unter den Selbstverteidigungsgruppen gefordert hat. Dabei handelt es sich um Zivilisten, die jede Nacht abwechselnd am Rande der Dörfer stehen, um Wache zu halten und Alarm zu schlagen.

Nach den Angriffen verletzlich

Der Ehemann von Elizabeth (Name geändert) war einer von ihnen. Im Juni hielt er mehrere Nächte hintereinander Wache, weil er wusste, dass es in der Nähe zu Angriffen gekommen war. Dann griff Boko Haram an. Sie entführten und töteten ihn. Elizabeth, die in dieser Nacht mit ihren acht Kindern und anderen Dorfbewohnern geflohen war, wurde erst später telefonisch über seinen Tod informiert. Seit drei Monaten konnte sie nicht mehr in ihr Haus zurückkehren. Sie lebt in einer Notunterkunft, die bei jedem Regenschauer durchnässt wird. Und während die Familie bisher von der Landwirtschaft lebte, liegen ihre Felder, die vor dem Angriff gerade erst besät worden waren, nun brach. Sie konnte nichts mitnehmen und muss sogar für ihr Trinkwasser bezahlen. Und das ohne Unterstützung der Großfamilie, weil jeder angesichts der Situation alle Kräfte darauf konzentrieren muss, sich selbst zu versorgen.


Was sie erdulden muss, ist das Schicksal vieler Vertriebener der christlichen Minderheit im äußersten Norden des Landes. Es ist eine kalkulierte Taktik der islamistischen Kämpfer, die darauf setzen, neben dem Terror und den Traumata, die sie zufügen, ganze Regionen wirtschaftlich und sozial zu destabilisieren, um neue junge Kämpfer ohne Zukunftsperspektiven rekrutieren zu können.