08.12.2021 / news

Christen in der ehemaligen UdSSR - 30 Jahre nach dem Fall der Sowjetunion

1991-2021

Vor 30 Jahren wurde mit dem Vertrag von Minsk das Ende der UdSSR besiegelt. Die NGO Open Doors, die seit ihren Anfängen hinter dem Eisernen Vorhang Bibeln lieferte, zeichnete den Weg nach, den die Kirchen im ehemaligen Ostblock, darunter auch in den Ländern Zentralasiens, seit jenem berühmten 8. Dezember 1991 zurückgelegt haben.

Der Zusammenbruch kündigt sich an

Langsam aber sicher begannen sich in den 1980er-Jahren die Dinge zu ändern - und die Auswirkungen waren sowohl in der politischen Welt als auch innerhalb von Open Doors zu spüren. Ab 1987 wurde eine große Zahl religiöser Gefangener aus Arbeitslagern und Gefängniszellen entlassen. Im Jahr 1985 waren 340 Christen inhaftiert; im März 1990 waren es nur noch 17.

1988 befand sich die sowjetische Wirtschaft in einer Krise. Präsident Michail Gorbatschow, der um Unterstützung für ein Umstrukturierungsprogramm warb, versprach, dass Christen künftig als »Sowjetmenschen, Arbeiter und Patrioten« anerkannt würden. Kirchen konnten wieder geöffnet werden.

Im selben Jahr ermöglichte eine Änderung der Postvorschriften den Versand von Zehntausenden Neuen Testamenten an Gläubige und Kirchen in der gesamten Sowjetunion. Das millionste Exemplar wurde von Bruder Andrew, dem Gründer von Open Doors, anlässlich der offiziellen Feierlichkeiten zum tausendjährigen Bestehen der russisch-orthodoxen Kirche an Patriarch Alexij persönlich überreicht.

Der Fall der Berliner Mauer: Ein erster Schritt

Seit 1982 organisierte die Nikolai-Kirche in Leipzig, Ostdeutschland, jeden Montagabend Friedensgebete. Die Zahl der Teilnehmer stieg exponentiell an und erreichte im Oktober 1989 70.000 Menschen. Im darauffolgenden Monat wurde die Berliner Mauer unter den Augen der Grenzsoldaten abgebaut, was ein starkes Zeichen für das Ende einer Ära war. Ein Mitglied des Teams von Open Doors erinnert sich an diesen Tag: »Mein Kollege und ich haben uns direkt ins Auto gesetzt und sind nach Berlin gefahren, um an diesem historischen Ereignis teilzunehmen. Was für eine Freude, was für eine Gebetserhörung!«

Die neue Unabhängigkeit der zentralasiatischen Republiken

Mit dem Ende der Sowjetära, das am 8. Dezember 1991 durch die Unterzeichnung des Vertrags von Minsk festgeschrieben wurde, erlebten auch die fünf zentralasiatischen Republiken, die unter Stalin gegründet worden waren, aus religiöser Sicht große Veränderungen und etablierten sich als unabhängige Staaten.

Bis 1991 war das Christentum dort hauptsächlich mit den ethnischen Minderheiten (Russen, Ukrainer, Polen, Deutsche und Koreaner) verbunden, die entweder freiwillig in die Region gekommen waren oder weil sie vom kommunistischen Regime dorthin deportiert worden waren. Eine sehr großen Mehrheit (über 90 Prozent) gehörte der orthodoxen Kirche an, die von den lokalen Behörden relativ gut behandelt wurde, um die guten Beziehungen zu Moskau nicht zu gefährden.

Als Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan 1991 zu unabhängigen Staaten wurden, verließ die große Mehrheit der eingewanderten Christen das Land und nur eine kleine Gruppe sah es als ihre Aufgabe an, der einheimischen Bevölkerung das Evangelium weiterzugeben. 

Aufgrund des sinkenden Anteils der Christen ist der Anteil der Muslime in der Region leicht gestiegen. Der Islam (hauptsächlich der sunnitische Islam) war schon immer die Hauptreligion in den fünf zentralasiatischen Ländern. Im Februar 2020 machten Muslime in Kasachstan 70,6 Prozent der Bevölkerung aus, in Kirgisistan 87,3 Prozent, und in Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan über 95 Prozent.

In den frühen 2000er Jahren erlebte Zentralasien eine bemerkenswerte Bewegung zum christlichen Glauben unter Muslimen. Heute gibt es in den fünf Staaten schätzungsweise 320.000 Gläubige mit muslimischem Hintergrund, bei einer traditionell protestantischen Bevölkerung von 322.700 Personen, und sie sind in vielen protestantischen Kirchen gut integriert. 

Druck steigt in Zentralasien

Vor allem auf dem Land ist die Hinwendung der indigenen ethnischen Bevölkerung zum Christentum von starkem Druck seitens der Familien und der örtlichen Gemeinschaft begleitet. Die Verwandten unterdrücken die zum Christentum Konvertierten, manchmal unter Anwendung körperlicher Gewalt, im Versuch, sie zur Rückkehr zum Islam zu bewegen.

Russland erscheint neu auf der US-Liste der Länder, die die Religionsfreiheit am stärksten verletzen. Jedes Jahr im November veröffentlicht das US-Außenministerium eine Liste der »besonders besorgniserregenden Länder« (CPC), die nach Ansicht der US-Regierung »systematische, anhaltende und eklatante Verletzungen der Religionsfreiheit« begehen oder dulden. Diese Bezeichnung ermöglicht es der Regierung, Sanktionen zu verhängen.

Die USA haben Russland nun auf diese Liste gesetzt, was »überraschend« ist, wie Rolf Zeegers, Analyst für religiöse Verfolgung bei Open Doors, feststellt. »Russland hat es in die höchste Kategorie der Länder geschafft, die die Religionsfreiheit verletzen, während Indien und Usbekistan oder Afghanistan nicht auf der Liste stehen. Ich weiß wirklich nicht, wie sie diese Entscheidung begründen. Es stimmt nicht mit unseren Informationen überein« , fügte er hinzu. »Russland steht nicht mehr auf dem Weltverfolgungsindex, der die 50 Länder auflistet, in denen die Diskriminierung von Christen am stärksten ist, sondern nur noch auf einer Beobachtungsliste der Länder, die dahinter gereiht sind.«