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Obwohl das Land seinen Bürgern theoretisch Religionsfreiheit garantiert, haben die Dschihadisten insbesondere in den ländlichen Gebieten Zentral- und Südmalis die entstandenen Machtvakuums gefüllt und agieren inzwischen wie eine Parallelregierung. Die Folgen für Christen sind schwerwiegend: Die Kirchen sind gezwungen, den Dschihadisten die »Dschizya«, eine»Schutzsteuer«, zu zahlen oder ihre Türen zu schließen.
Die Kirche in Mali steht unter enormem Druck, insbesondere im Zentrum und im Süden des Landes, wie aus den jüngsten Meldungen unserer Partner hervorgeht. »Die Geschichte mit den Schutzsteuern für die Kirchen begann 2018, als militante islamistische Gruppen Verhandlungen über Nichtangriffsabkommen mit den Dörfern aufnahmen«, berichtete uns ein Kontakt vor Ort.
Die Unterzeichnung dieser Nichtangriffsabkommen ermöglichte es militanten islamistischen Gruppen, sich in den Dörfern niederzulassen – unter dem Vorwand, diese »vor Ungerechtigkeit, vor der Straflosigkeit, unter der die Malier leiden, sowie vor jeder anderen Form von Aggression oder Unterdrückung« zu schützen.
Die – überwiegend christlichen – Dörfer, die sich geweigert haben, diese Vereinbarungen zu unterzeichnen, werden von diesen Gruppen als Feinde betrachtet. »Diese Dörfer waren die ersten Opfer der Schutzsteuerzahlungen«, sagt unser Kontakt vor Ort.
Dem Bericht zufolge haben viele Dörfer zugestimmt, die Abgaben zu zahlen, weil militante islamistische Gruppen damit drohten, mit Gewalt zu entscheiden, wer das Dorf leiten sollte. Die Dörfer standen somit vor der Wahl: entweder die Abgaben zu zahlen, gewalttätige Angriffe in Kauf zu nehmen oder:
Die meisten christlichen Kirchen haben sich bereit erklärt, die Dschizya zu zahlen, um Gottesdienste, Hochzeiten und Feste abhalten sowie ihre sonstigen Aktivitäten fortsetzen zu dürfen.
»Unter dem Druck der Terroristen haben die Kirchen durch den Verkauf ihrer Vorräte und ihres Viehbestands beträchtliche Summen aufgebracht. In einigen Ortschaften des Kreises Koro wurden Kirchen von militanten islamistischen Gruppen geschlossen«,
— berichten unsere Partner.
Unser Ansprechpartner vor Ort hat mit Pastoren gesprochen, deren Gemeinden die Auswirkungen dieser Steuern besonders stark zu spüren bekommen. Damit ihre Identität geschützt bleibt und sie Vergeltungsmaßnahmen seitens der Aktivisten vermeiden können, nennen wir ihre Wohnorte nicht und sie verwenden Pseudonyme:
Pastor Saydou Saye*, Leiter einer Kirche in der Region Mopti, erklärt, dass seine Gemeinde ihre Aktivitäten nur auf ihrem eigenen Grundstück ausüben darf. »Das Hauptproblem, mit dem wir im Hinblick auf unseren Glauben konfrontiert sind, liegt darin, dass wir davon abgehalten werden, das Evangelium zu teilen.«
Pastor Ousmane Dolo*, der ebenfalls als Gemeindeleiter in der Region Mopti tätig ist, erklärt:
»Die Dschihadisten sind in mehrere Kirchen eingedrungen und haben Millionen Francs gefordert. Deshalb berichten wir euch von unseren Schwierigkeiten. Wir leiden zutiefst, und viele Menschen hier haben gelitten. Sie haben nicht einmal mehr etwas zu essen, weil sie den Dschihadisten alles gegeben haben. Keine Lebensmittel mehr – deshalb erzählen wir euch all das.«
Pastor Moussa Guindo*, ebenfalls in der Region Mopti, erklärt, dass die Dschihadisten seinem Dorf drei Optionen gestellt haben: zum Islam zu konvertieren, ihnen in ihrem Krieg zu helfen oder die Abgabe zu zahlen.
Christliche Gemeinschaften in Mali sind zunehmend Verfolgung ausgesetzt. Die Sicherheitslage hat sich durch dschihadistische Gewalt und politische Instabilität verschärft. Gruppen wie Jama'at Nasr al-Islam wal-Muslimin (JNIM) und der Islamische Staat in der Großsahara (EIGS) haben das Sicherheitsvakuum nach dem Aufstand von 2012 und den darauffolgenden Militärputschen genutzt, um ihren Einfluss auf weite Teile des Landes auszuweiten. Dabei kommt es immer wieder zu Angriffen, Entführungen und der Zerstörung von Kirchen.
Pastoren, Gemeindeleiter und Menschen, die vom Islam zum Christentum konvertiert sind, sind besonders gefährdet. Sie werden oft beschuldigt, westlichen Einfluss zu fördern, von ihren Familien verstoßen oder von Extremisten bedroht. Besonders in ländlichen Gebieten sind sie kaum geschützt – auch weil der Staat schwach ist und Korruption sowie organisierte Kriminalität weit verbreitet sind. Auch wenn in den großen Städten noch eine gewisse Religionsfreiheit besteht, leben viele Gläubige heute unter der ständigen Bedrohung durch Einschränkungen, Vertreibung und Gewalt, ohne Gewissheit über ihre Zukunft.
Jo Newhouse*, Sprecherin für die Arbeit von OD in der Region, erklärte: »Wir sind sehr besorgt über die Auswirkungen dieser Situation auf die Kirchen, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in psychosozialer Hinsicht. Christen und ihre Leiter leben unter extremer Instabilität und Unsicherheit. Sie sehen sich zunehmender Unbeständigkeit und Ungewissheit ausgesetzt, und der Raum, in dem sie ihren Glauben öffentlich leben können, schrumpft. Zudem ist in der aktuellen politischen Lage, in der die Freiheit, über ihre Herausforderungen zu sprechen, immer weiter einschränkt, das Eintreten für ihre Belange zu einem Risiko geworden. Diese Gläubigen brauchen unser Gebet mehr denn je. Die Regierung von Mali und ihre internationalen Partner müssen alles in ihrer Macht Stehende tun, um die christliche Minderheit vor der Ausbeutung durch die Dschihadisten zu schützen und so den sozialen Zusammenhalt zu bewahren – ein wesentliches Element für das Wohlergehen jeder Nation.«
* Namen aus Sicherheitsgründen geändert