26.10.2018 /
Syrien
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Syrien: Herausforderungen einer Kirche ohne junge Männer

Elias lebt in Aleppo. Wenn er in die Kirche geht, stellt er fest, dass sich die Gemeinde verändert hat. Die Gruppe der Männer zwischen 18 und 40 Jahren hat sich drastisch vermindert. «Werde ich bald der Letzte sein?», fragt er sich.
 

Der Krieg dauert seit mehr als sieben Jahren an und hat verheerende Folgen für die syrische Kirche: 5,6 Millionen Syrer haben das Land verlassen, und mehr als 6 Millionen wurden innerhalb des Landes vertrieben. Also rund die Hälfte der 22 Millionen Einwohner vor dem Krieg. Ein solcher Exodus stellt für die Familien und die Kirche ein echtes Problem dar.

«Viele sorgten für ihre Eltern und Angehörigen. Nun haben die Familien finanzielle Sorgen», sagt George, ein Gemeindeleiter. Syrische Familien zählen traditionell auf das Geld, das die Männer verdienen. Die meisten Frauen haben nach der Heirat keine bezahlte Beschäftigung. George konnte dank der Unterstützung von Open Doors handeln: «Als die Männer weggingen, mussten die Frauen Arbeit finden. Wir haben deshalb konkrete Projekte gestartet, damit sie ein Einkommen erzielen können».

Huda, ein anderer Christ, beschreibt die generationellen Auswirkungen: «Da die junge Generation gegangen ist, sind die Ältesten auf andere Familienmitglieder oder externe Organisationen angewiesen. Sie sind zu einer Belastung für die Gesellschaft geworden, sowohl materiell, als auch moralisch und medizinisch. Die Rollenverteilung innerhalb der Familie ändert sich. Die Frauen tragen jetzt eine doppelte Last, eine materielle und eine soziale. Sie haben heute mehrfache Rollen in Familie und Gesellschaft.»

«Früher konnte man sich während des Studiums mit einem jungen Mann verloben. Heute gibt es fast keine Jungen mehr an der Universität. Wir werden wohl auf Ehe und Familie verzichten müssen. Ich fürchte, nie heiraten zu können», bedauert eine etwa 20-jährige Studentin. Elias beobachtet dasselbe in der Kirche: mehr ledige Frauen, weniger Heiraten und Geburten.

Innert kurzer Zeit gingen viele Christen weg, die in den Kirchen aktiv waren. «Es fehlt an Freiwilligen für zahlreiche Ämter. Es ist nicht einfach, die neuen Leute zu schulen. Alle Aktivitäten der Kirche leiden darunter. Von den rund 100 Jugendlichen sind zum Beispiel nur noch 30 da: 6 Jungen und 24 Mädchen. Die Auswanderung der Christen schwächt die Kirche zusehends. Die Christen werden beim Wiederaufbau des Landes und der Gesellschaft fehlen», sagt ein Gemeindeleiter.

Elias fragt sich, ob es in gewissen Regionen Syriens bald keine Christen mehr geben wird. Doch er bleibt zuversichtlich: «Überall trifft man Kirchenleiter, die geblieben sind, um den Christen zu dienen. Und man begegnet auch jungen Menschen, die dem Herrn weiter mit Hingabe in ihrem Land dienen. Sie tun alles, um den Bedürftigen beizustehen und die Kirche am Leben zu erhalten.»

In Zusammenarbeit mit den Kirchen vor Ort hilft Open Doors, junge Syrer als Leiter zu schulen.