27.08.2021 /
Afghanistan
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Afghanistan: »Es bleibt nur: Emmanuel, Gott mit uns!«

Zwanzig Jahre nach ihrer Vertreibung haben die Taliban die Kontrolle über Kabul zurückgewonnen und damit die Rückeroberung des Landes beendet, das sie als das ihre betrachten. Das Auftreten und die Rhetorik der Taliban mögen sich in den letzten zwei Jahrzehnten leicht geändert haben, ihr Ziel aber bleibt dasselbe: Afghanistan soll durch die Scharia regiert werden. Das bedeutet Unterdrückung und Verfolgung, insbesondere für Frauen und Mädchen, Homosexuelle, Sikhs und Christen.

Die Fotos von Afghanen, die sich auf dem Flughafen von Kabul verzweifelt an Flugzeuge klammern, um aus ihrem Land zu fliehen, und herunterstürzen, versetzen uns plötzlich zurück an den 11. September 2001: Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit Menschen aus den Twin Towers von Manhattan die Tiefe sprangen, um den Flammen zu entkommen.

Wer kann diese Bilder vergessen, die von Panik und Verzweiflung zeugen?

Mit der Übernahme der Kontrolle durch die Taliban brach Verzweiflung in Afghanistan aus und mit der Freiheit war es vorbei. Sie implodierte und stürzte ein, genau wie die Twin Towers an jenem schicksalhaften Tag im September 2001. Was bleibt, sind Staub, Ruinen, Tod, zerstörte Hoffnung.

Hat sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert? Das Leben war nach 2001 unglaublich schwierig in Afghanistan, aber wir können diese zwei Jahrzehnte nicht unter den Teppich kehren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt und erinnert sich nicht an die Zeit, als die Taliban das Land terrorisierten.

Fortschritt zerschlagen

Der Wandel war langsam und schmerzhaft, aber das Land machte Fortschritte, so etwa in Bezug auf die Freiheit der Frauen, die Kinderrechte, die Arbeitspolitik und das Gesundheitswesen. Seit 2001 war aber klar, dass die Religionsfreiheit für die neue Regierung kein Thema war.

Die islamischen Extremisten, die alle Schichten der Gesellschaft und der Regierung dominierten, ließen nur ihre eigene Vorstellung vom Islam gelten. Religiöse Minderheiten wie Sikhs und Christen wurden nicht anerkannt.

Vergessene Minderheiten

Das wurde deutlich, als in der neuen Verfassung (2004) keine Regelungen für diese religiösen Minderheiten getroffen wurden. Jeder Bürger galt somit als Muslim, die Religion konnte nicht gewechselt werden. Tatsächlich riskierte jeder, der entdeckt wurde, eingesperrt oder getötet zu werden.

Das wird sich auch mit der Machtübernahme der Taliban nicht ändern. Im Gegenteil, die Macht der religiösen Extremisten hat drastisch zugenommen. Sie streben danach, die erzielten Fortschritte zunichte zu machen und unerwünschte Elemente zu eliminieren: alle, die mit dem Westen verbunden sind, alle, die sich nicht der Scharia beugen, alle Nicht-Muslime.

Sikhs, zumeist indischer Herkunft, werden mehr oder weniger toleriert. Zwar erleben auch sie vielerlei Anfeindungen und eine ständige Da'awa (Aufforderung, zum Islam zu konvertieren). Doch können sie zumindest weiterhin als Sikhs existieren. Christen dagegen können sich nicht als solche ausweisen, denn sie sind Abtrünnige (Apostaten).

Resiliente Bevölkerung

Eine Quelle vor Ort erklärt: »Wir Afghanen sind Kämpfernaturen. Unser Leben hat sich verändert in der kurzen Zeit, in der wir Freiheit entdeckten und Zugang zu Bildung hatten. Manche wird sicherlich die Angst lähmen, andere werden sich dem Druck fügen. Aber es gibt auch jene, die Zugang zu Bildung hatten und deren Horizont sich erweitert hat. Die Grenzen unseres Denkens haben sich ausgeweitet. Wir werden nach neuen Wegen und Lösungen suchen. Wir werden den Status quo in Frage stellen und für das kämpfen, wofür nicht nur die westlichen Länder, sondern auch unsere eigenen Eltern und Großeltern ihr Leben geopfert haben. Das freie Recht, zu lernen, zu existieren, zu träumen, zu beten. Bitte seid mit uns solidarisch!«

Die Solidarität des Leibes Christi weltweit ist nötiger denn je. Die Verfolgung ging nach dem Sturz des Taliban-Regimes im Jahr 2001 weiter und hat ständig zugenommen. Mit den Taliban zurück an der Macht wird sie einen neuen Höhepunkt erreichen. Jesus sagte, dass man einen Baum an seinen Früchten erkennt. Wir brauchen die Gräueltaten der Taliban seit Beginn ihres Bestandes nicht aufzuzählen.

Das Schicksal der Christen

Menschen, die als Christen identifiziert werden, werden streng bestraft. Ihnen zu schaden, ist eine Form der Rache für »20 Jahre Besatzung durch westliche und christliche Armeen«. Auch als die westlichen Mächte in Afghanistan vertreten waren, erging es den Christen keineswegs gut: Sie lebten im Verborgenen, wurden durch Familienangehörige mit dem Tod bedroht und litten stark.

Wie wirken sich diese zusätzlichen Bedrohungen auf Christen aus? Sie haben alle Angst. Manche fragen sich, wie sie überleben sollen. Viele möchten an einen sicheren Ort fliehen, aber das können die wenigsten. Andere haben beschlossen, dort zu bleiben, ihrem Gott im Verborgenen zu dienen und ihre Familien zu beschützen.

Es ist zu erwarten, dass Konflikte und Gewalt zunehmen. Wir hoffen, dass sich die Kirche mit den Leidenden solidarisch zeigt und für das Land betet. »Alle Christen, mit denen ich spreche, bitten nur um eins:«, sagt ein afghanischer Christ, »Gebet. Das ist wirklich das Einzige, worum sie bitten. Jeder menschliche Schutz ist zusammengebrochen. Es bleibt ihnen nur Emmanuel, Gott mit uns.«

 

Gebet für Afghanistan

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Hier finden Sie Tipps und konkrete Anliegen,

um für die Christen in Afghanistan zu beten.