«Es ist so ermutigend, dass Menschen für uns beten!»

Christen werden in Usbekistan als Anhänger einer fremden Religion betrachtet, die das politische System untergraben will. Jegliche religiösen Aktivitäten ausserhalb staatlich kontrollierter Einrichtungen sind verboten. In gewissen Regionen treffen sich Christen zum Gottesdienst nur mitten in der Nacht. Wir sprachen mit Pastor Oleg*, der eine solche Untergrundgemeinde leitet.

Seine Gemeinde besteht ausschliesslich aus Christen mit muslimischem Hintergrund, die vor der Gesellschaft als Verräter gelten. Der Druck ist konstant. Partner von Open Doors luden Oleg kürzlich in einen anderen Teil Zentralasiens ein, damit er sich für ein paar Tage erholen konnte. Er erzählt uns vom Alltag der Christen in Usbekistan.

» Ist es schwer, eine Kirche registrieren zu lassen?
Offiziell herrscht in unserem Land Religionsfreiheit, also ist es im Prinzip möglich. Aber praktisch sieht es anders aus. Nehmen wir an, ein Pastor möchte seine Untergrundgemeinde von etwa 100 Personen registrieren lassen, weil es schwierig ist, eine so grosse Gemeinschaft geheim zu halten. So muss er unzählige Dokumente zusammentragen, vor allem aber eine Liste aller Mitglieder. Diese muss detaillierte Informationen enthalten, wie Name, Adresse, Familienmitglieder, Arbeitsplatz usw.

Der staatliche Religionsausschuss handelt sofort, er übergibt die Liste der Polizei. Diese beginnt, die Christen «durchzurütteln», besonders, wenn sie einen muslimischen Hintergrund haben, und ebenso all ihre Verwandten. Mit «durchrütteln» meine ich: Razzien, manchmal mitten in der Nacht, Hausdurchsuchungen, Verhöre auf dem Polizeiposten, Überwachung, Benachrichtigung der Arbeitgeber (was sehr oft zur Entlassung der Christen führt). Auch die lokalen muslimischen Leiter werden über die «Verräter des Islam» informiert, was bei der muslimischen Nachbarschaft Hass und Verfolgung hervorruft. Nur wenn alle Christen in ihrem Glauben standhaft bleiben, wird sich das Komitee mit den Dokumenten zur Registrierung befassen.

» Wenn die Mitglieder durchhalten, wird die Gemeinde registriert?
Leider nein. Selbst wenn diese harte Zeit vorüber ist, kann der staatliche Religionsausschuss die Registrierung aus jedem beliebigen Grund verweigern. Alles muss wieder von vorne angefangen werden. So kann die Prozedur Jahre dauern, und es gibt keine Garantie, dass die Kirche jemals registriert wird.

» Aber wenn die Registrierung gewährt wird, sind die Mitglieder ­relativ sicher?
Nun, sie bedeutet nur, sich sonntags versammeln zu können ohne die Gefahr, verhaftet zu werden. Die Behörden werden die Kirche von Zeit zu Zeit überprüfen – Gemeindemitglieder, Schriften, Aktivitäten. Es ist normal, dass die Geheimdienste einen Spitzel aussenden, der sich als Christ ausgibt, Gottesdienste besucht, sich mit Gemeindemitgliedern anfreundet und die Kirche von innen ausspioniert. Wenn sie den geringsten Anlass finden, wird die Registrierung aberkannt.

» Wie ist die Situation in deiner ­Gemeinde?
Wir haben entschieden, uns nicht auf den Sonntagsgottesdienst zu beschränken. Kleingruppen bieten mehr Möglichkeiten, füreinander zu beten, geistlich zu wachsen, Nichtchristen einzuladen und das Evangelium weiterzugeben. Wir versuchen, sehr vorsichtig zu sein, und treffen uns höchstens zu dritt oder zu viert. Wir sehen, wie die Verfolgung von Tag zu Tag zunimmt, und lernen, mitten darin zu leben. Ich sehe es so: Ohne Evangelisation, ohne Gemeinschaft, ohne Kindern von Jesus zu erzählen ergibt Kirche keinen Sinn.

» Es muss schwer sein, Pastor zu sein. Wie kommst du damit zurecht?
Manchmal fühle ich mich so erschöpft. Ich trage Verantwortung für mich selbst, meine Familie (meine Frau und drei Kinder) und meine Gemeindemitglieder. Manchmal fühle ich mich, als ob ich mehr Luft zum Atmen bräuchte und habe keine Energie mehr. Diese Reise war eine grossartige Gelegenheit, für einige Tage dem ganzen Stress zu entkommen, Gemeinden anderswo zu besuchen, ermutigt zu werden und neu zu verstehen, dass Jesus die Last trägt – nicht ich.

» Viele Menschen weltweit beten für die verfolgten Christen. Was wäre deine Bitte an sie?
Zuallererst möchte ich euch allen für eure Gebete danken! Es ist so ermutigend, dass Menschen im Ausland für uns beten, ich bin so dankbar dafür! Das Wichtigste für uns ist, den Frieden Gottes in allen Umständen zu bewahren. Bitte betet dafür. Betet auch, dass wir unsere Leidenschaft für Isa Massih (Jesus) und für unseren Dienst beibehalten. /

* Name geändert

Magazin Oktober 2019 – Auszug