Drei Trends aus dem Weltverfolgungsindex 2019

Vor fünf Jahren gehörte nur Nordkorea wegen seiner hohen Christenverfolgung zur Kategorie «extrem». Auf dem Weltverfolgungsindex 2019, wie schon im Jahr 2018, gehören 11 Länder dieser Kategorie an. 

Ungefähr ab 2006, und zunehmend ab 2012, wurde auf dem Index jedes Jahr stärkere Verfolgung von Christen weltweit verzeichnet. Dieses Jahr sind mehr Länder denn je auf die Liste gekommen, ohne dass sie im Bereich der Gewalt eine deutlich höhere Punktzahl aufweisen. Dies bedeutet mehr Diskriminierung und Feindseligkeit im strukturellen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bereich. 

Trend 1 – Staatlicher Autoritarismus, zusätzliche Gesetze zur Kontrolle von Religion

Zum 18. Mal in Folge steht Nordkorea (Rang 1) zuoberst auf dem Weltverfolgungsindex, weil hier das erdrückendste autoritäre Regime der Welt herrscht, in dem jede Verehrung, die nicht dem Obersten Führer gilt, ein politisches Verbrechen ist. Aber der Trend zum staatlichen Autoritarismus nimmt in vielen Teilen der Welt zu. 

Am deutlichsten zeigt sich dieser Trend in China (27), wo am 1. Februar 2018 neue Vorschriften für religiöse Angelegenheiten in Kraft traten. Seitdem hat der Fokus, Kinder und Jugendliche vom Hören religiöser Lehren abzuhalten, dazu geführt, dass Sonntagsschulen geschlossen, Sommerlager verboten und Kirchen gezwungen wurden, Schilder an ihrem Eingang anzubringen, die jedem unter 18 den Zutritt verbieten. 

Im März 2018 wurde das Regierungsmandat von Präsident Xi Jinping auf unbestimmte Zeit verlängert – er ist der erste seit Mao, der eine solche Macht innehat. China kündigte auch seinen Fünfjahresplan zur ‚Förderung des chinesischen Christentums in China’ an. Chinesische Kirchen wurden unter Druck gesetzt, die Nationalflagge höher als das Kreuz zu hängen und vor dem Gottesdienst die Nationalhymne zu singen. Pekings größte Hauskirche, Zion – mit 1.500 Mitgliedern – wurde im September geschlossen, weil sie sich weigerte, Überwachungskameras mit Blick auf die Gemeinde zu installieren. Kirchenversammlungen werden nach wie vor in mehreren Provinzen gestört, besonders in der ländlichen Provinz Henan in Zentralchina, wo 60 % aller Kirchen geschlossen wurden (zwei der fünf großen Hauskirchennetzwerke begannen hier). 

Die Welt ist in jüngster Zeit auf die Umerziehungslager in der autonomen Region Xinjiang aufmerksam geworden, wo uigurische Muslime 45 % der Bevölkerung ausmachen. Von den geschätzten 6.000 Christen mit muslimischem Hintergrund dort sind einige in solchen Lagern verschwunden und wurde seither nicht mehr gesehen. 

Der gleiche staatliche Autoritarismus setzt auch die Christen in Vietnam (20) unter Druck, wo am 1. Jänner 2018 das erste Gesetz über Glauben und Religion in Kraft getreten ist. Vietnam behandelt Religion als soziales Problem und potenzielle Bedrohung für die nationale Sicherheit. 

In Myanmar (18) verbindet sich staatlicher Autoritarismus mit Nationalismus. Der erste katholische Kardinal des Landes, Charles Bo, sagt, dass «das Militär in den Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts die Religion zu einem Werkzeug der [ethnischen] Unterdrückung gemacht hat». Die Mehrheit der christlichen Karen und die Christen im Kachin-Staat ertragen die Hauptlast der Unterdrückung durch die Regierung.

Trend 2 - Ultranationalistische Regierungen deklarieren christliche Minderheiten als «fremd» 

In immer mehr Ländern entwickelt sich der Nationalismus zu einem Ultranationalismus, der gesetzestreue Minderheiten nicht nur als Bedrohung ansieht, sondern sie auch durch Gewalt dazu zwingt, ihre Identität aufzugeben oder gar das Land zu verlassen. Das beste Beispiel ist Indien (10), wo Gesetze zur Verankerung der wachsenden ultranationalistischen Agenda genutzt werden. Die von der BJP geführte Regierung fördert eine extremistische, militante hinduistische Agenda. Um Inder zu sein, muss man Hindu sein.  

Seit dem Amtsantritt von Narendra Modi im Mai 2014 hat die Verfolgung von Christen massiv zugenommen. Jedes Jahr werden mehr Gewalttaten registriert, vor allem weil Polizei und lokale Behörden häufig eine Kultur von Straffreiheit zulassen. Militante Hindus verprügeln Gemeindeleiter, versuchen, sie aus ihren Dörfern zu vertreiben, vergewaltigen ihre Frauen und bedrohen sogar ihre kleinen Kinder. Dies spiegelt globale Trends wieder, die zunehmend die direkte Verfolgung von Frauen und Kindern als Teil der Dynamik der Verfolgung zeigen. 

Trend 3 – Ausbreitung des radikalen Islam über den Nahen Osten nach Afrika südlich der Sahara 

Der dritte auffällige Trend in diesjährigen Weltverfolgungsindex besteht darin, dass die gewalttätigen Ausschreitungen des Islamischen Staates und anderer gewaltbereiter Islamisten im Nahen Osten zwar mehrheitlich aus den Schlagzeilen verschwunden sind; ihr Gebietsverlust dort bedeutet jedoch, dass sich die Kämpfer in eine größere Anzahl von Ländern verstreut haben, nicht nur in der Region, sondern zunehmend auch in Afrika südlich der Sahara.

Seit 2017 haben militante Islamisten auch in Ägypten, Somalia, Libyen und im Jemen an Stärke gewonnen, wo sie weiterhin rekrutieren und Gebiete einnehmen. 

In Ägypten (16), das die größte christlichen Bevölkerungsanteil (Kopten) im Nahen Osten hat, terrorisieren der Islamische Staat und andere terroristische Gruppen die Gemeinschaft weiter. Innerhalb von 18 Monaten wurden zweimal Pilger, unterwegs in einem Bus auf derselben Straße, getötet. 

Aufgrund des ausgeprägten Stammescharakters der Gesellschaft in Somalia (3) wird jeder Muslim, der zum Christentum übertritt, mit hoher Wahrscheinlichkeit von Familie und Freunden entdeckt und riskiert den Tod. 

Als ‚gescheiterter’ Staat ohne einheitliche Regierung ist Libyen (4) nach wie vor ein lebensgefährliches Umfeld, besonders für die festgehaltenen Migranten aus Subsahara-Afrika. Zuverlässige Quellen berichten, dass mindestens 10 Christen allein für ihren Glauben getötet wurden. 

Im Jemen (8) dient eine kleine aber wachsende Kirche einheimischer Christen mit muslimischem Hintergrund weiterhin der Gesellschaft mitten im tödlichen Stellvertreterkrieg zwischen den vom Iran und von Saudi-Arabien unterstützten Truppen – allerdings unter extremer Gefahr.

Von den Ländern, die ein ‚hohes’ Maß an Verfolgung aufweisen (41 Punkte oder mehr), die aber nicht unter die Top 50 fallen, liegen 18 von 23 Ländern in Afrika südlich der Sahara. Diese Region stellt eine der größten Sicherheitsherausforderungen dar, da schwache Staatsführung, Armut und radikaler Islam zunehmend aufeinander treffen. Beispiele dafür sind die Demokratische Republik Kongo DRK (54) und Mosambik (65).

Die kraftvolle Mischung des radikalen Islam mit den regionalen und lokalen Konflikten führt dazu, dass weiterhin afrikanische Christen im Nordosten von Kenia (40), in der Zentralafrikanischen Republik (21) und im Norden und Zentrum von Nigeria (12) sterben.

Höchstes Maß an Gewalt

Während Boko Haram weiterhin tödliche Angriffe ausführt, ist die Verfolgung von Christen durch die islamistische Gruppierung nicht gleich intensiv wie in den letzten Jahren. Aber entlang der christlich-muslimischen Konfliktzone in Mittelnigeria haben Jahrzehnte des Klimawandels und schleichende Wüstenbildung kombiniert mit einem schnellen Bevölkerungswachstum zu einem Kampf um Land und Ressourcen geführt. Die Verschärfung des Konflikts zwischen den nomadischen, überwiegend muslimischen Fulani-Hirten und den einheimischen, überwiegend christlichen Bauern im sogenannten Middle Belt führt dazu, dass Christen weiterhin das im Weltverfolgungsindex höchste Maß an Gewalt (16,7 Punkte in der Kategorie ‚Gewalt’) erleben. Dies hat viele Christen dazu geführt, diese Angriffe als Teil einer ethno-religiösen Säuberung zu bezeichnen. Würde allein die ‚gewalttätige’ Verfolgung bewertet, so läge Nigeria dieses Jahr zusammen mit Pakistan auf dem ersten Platz.

Pakistan: ein Hoffnungsschimmer?

Der Oberste Richter Pakistans, Mian Saqib Nisar – unter Gefahr für sein eigenes Leben – hielt sein Versprechen, die Berufung der pakistanischen Christin Asia Bibi  vor dem Obersten Gerichtshof anzuhören, bevor er Anfang 2019 in den Ruhestand trat. Er und seine beiden Richterkollegen sprachen sie frei und sagten, dass ihr Ankläger gelogen hatte, und dass die Blasphemieklage, für die sie 8 Jahre in der Todeszelle verbrachte, eine Erfindung war. Das bahnbrechende Urteil wurde jedoch durch tagelange Massenproteste und Aufstände in ganz Pakistan durch radikale islamische Gruppierungen in Frage gestellt, welche den Tod der Richter und von Asia Bibi forderten. Während Asia Bibi rechtlich frei ist, fürchtet sie noch immer um ihr Leben und kann Pakistan nicht verlassen, um Asyl in einem Land zu suchen, in dem sie und ihre Familie sicher leben können.

Index 2019 : Trends und Entwicklungen (PDF)

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