Die globale Coronavirus-Pandemie hat die systemische Diskriminierung, Ungleichbehandlung und Verfolgung, der allein in den 50 führenden Ländern des Weltverfolgungsindex 309 Millionen Christen ausgesetzt sind, verdeutlicht und verschärft. Dies ist einer der Haupttrends im Weltverfolgungsindex 2021, der jüngsten jährlichen Erhebung von Ländern zur Darstellung und Analyse der Christenverfolgung.

Dieses Jahr weisen erstmals alle Länder der Top 50 ein mindestens »sehr hohes« Maß der Verfolgung auf; in den Top 12 ist das Ausmaß gar »extrem«. Nordkorea ist zum 20. Mal in Folge das Land, in dem es sich als Christ am schlechtesten lebt. Diese Trends prägen den Weltverfolgungsindex 2021.

„In einer Welt, in der die Verfolgung von Christen unerbittlich zunimmt, nicht zuletzt wegen der Restriktionen aufgrund des Coronavirus, ist die gute Nachricht für Christen, dass sie nie allein sind, weil Gott bei ihnen ist, wegen der weltweiten Gebete für sie und weil sich die Menschen, die an die Bedeutung der Religionsfreiheit glauben, verstärkt für sie einsetzen.“
Dan Ole Shani, CEO Open Doors International

Insgesamt weisen 74 Länder ein extremes, sehr hohes oder hohes Maß an Verfolgung auf. Mindestens 340 Millionen Christen oder 1 von 8 Christen weltweit sind davon betroffen.

Weltweit: COVID-19 verschärft bestehende strukturelle Verwundbarkeit

Die Pandemie hat die bestehende soziale, wirtschaftliche und ethnische Verwundbarkeit von Millionen von Christen weltweit aufgezeigt und verschärft. Sie scheint ein Katalysator dafür zu sein, dass bisher häufig verdeckte Haltungen der Unterdrückung zum Vorschein kommen.
In Indien berichteten 80% der mehr als 100.000 Christen, die von unseren Partnern Hilfe erhielten, dass sie von staatlichen Lebensmittelverteilstellen weggeschickt wurden. Einige marschierten kilometerweit und verheimlichten ihre christliche Identität, um anderswo Essen zu bekommen. Eine 2017-2018 durchgeführte Regierungsumfrage ergab, dass die Arbeitslosigkeit unter Christen größer ist als unter anderen religiösen Gruppen. So führte der Ausschluss von größtenteils staatlichen Lebensmittelhilfen dazu, dass ganze Gemeinschaften Not leiden. Auch in anderen, meist asiatischen Ländern wurde Christen in ländlichen Gebieten Hilfe verweigert.

Einige Christen waren wegen der Pandemie weniger unter Druck, an örtlichen Ritualen teilzunehmen. Die meisten sagten jedoch, dass die Ausgangssperren sie mit denen zu Hause einschlossen, die ihrem Glauben am feindlichsten gegenüberstehen. Frauen und Kinder waren davon am stärksten betroffen. In den Ländern der Top 10 stieg die Zahl der Frauen, die über psychische Gewalt sowie über den Kontaktverlust zu ihren Glaubensgeschwistern klagten.

Berichte von Entführungen, gewaltsamen Bekehrungen und Zwangsheiraten von Frauen und Mädchen haben zugenommen. Ein typischer Fall ist der der gläubigen Christin Rania Abdel-Masih in Ägypten, eine 39-jährige Mutter von drei Töchtern, die sich für ein bekanntes christlich-muslimisches Projekt als Freiwillige engagierte. Nachdem sie im April auf dem Weg zu ihrer Schwester verschwunden war, tauchte sie in mit der Muslimbruderschaft in Verbindung stehenden Internetvideos auf, auf denen sie einen Niqab trug und sagte, sie sei seit 9 Jahren Muslima. Sie sah ängstlich aus und sprach eindeutig unter Zwang. Drei Monate später, nach Medienberichten und der Diplomatie der koptischen Kirche, konnte sie zu ihrer Familie zurückkehren und bestand darauf, dass sie nie zum Islam konvertiert sei.

Afrika: Islamistische Miliz nutzt COVID-19-Beschränkungen aus

In ganz Subsahara-Afrika war die Kirche im Berichtszeitraum mit bis zu 30% mehr Gewalt konfrontiert als im vergangenen Jahr. Dschihadisten und Milizen nutzen das Versagen schwacher Regierungen aus. In Nigeria, das zum ersten Mal unter den Top 10 ist, wurden mehrere hundert meist christliche Dörfer besetzt oder von bewaffneten Fulani-Hirten überfallen.
Boko Haram und seine Splittergruppe, der Islamische Staat in Westafrika, waren für etwa 400 Gewaltangriffe im Norden Kameruns verantwortlich, von denen 234 gegen Zivilisten gerichtet waren.
Ein Beamter des UNHCR sagte, die zentrale Sahelzone – Mali, Burkina Faso und Niger – sei das Epizentrum der weltweit am schnellsten wachsenden Vertreibungskrise. In Burkina Faso, das bis vor Kurzem für seine interreligiöse Harmonie bekannt war, sind infolge von Dürre und Gewalt 1 Million Menschen vertrieben worden. Islamisten greifen Kirchen an (14 Menschen bei einem Angriff getötet, 24 bei einem anderen). Human Rights Watch berichtet von über 85 Angriffen auf Bildungseinrichtungen in Burkina Faso, Mali und Niger zwischen Jänner und Juli 2020. In Mali werden nach wie vor westliche Christen als Geiseln gehalten und auch getötet.

In Ostafrika ist Mosambik (neu auf dem WVI) mit der Gewalt eines Ablegers des Islamischen Staats in Zentralafrika konfrontiert, der im Volksmund Al-Shabaab genannt wird, sich aber von der somalischen Gruppe unterscheidet. Die Gruppe will die Scharia in der mineralreichen, aber wenig entwickelten Provinz Cabo Delgado einführen, die seit 2017 bei 600 Angriffen mehr als 1150 Tote und über 300.000 Vertriebene zu beklagen hat.

Die Demokratische Republik Kongo (DRK – neu auf dem WVI) wird von ihrer eigenen, mit dem Islamischen Staat verbundenen Gruppe, den Alliierten Demokratischen Streitkräften (ADF), bedrängt, die sich in der Provinz Nord-Kivu niedergelassen haben. Sie haben fast die vollständige Kontrolle über riesige ländliche Gebiete. Seit Jahren greifen sie christlich geführte Schulen und Kliniken an, brennen Kirchen nieder, töten Gemeindevorsteher und begehen laut einem UN-Bericht Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

China: Zunehmende Überwachung und Einschränkungen

China hat COVID-19 schnell und effektiv eingedämmt, doch für seine 97 Millionen Christen sind die Kosten hoch, denn die Überwachung reicht bis in ihre Häuser hinein und verfolgt Online- als auch Offline-Interaktionen. Von Chinas geschätzten 570 Millionen Überwachungskameras verfügen Millionen über eine fortgeschrittene Gesichtserkennungssoftware, die mit Chinas »Sozialkreditsystem« verbunden ist, das die wahrgenommene »Loyalität« gegenüber der kommunistischen Überzeugung überwacht.
Berichten aus den Provinzen Henan und Jiangxi zufolge befinden sich solche Kameras in allen staatlich zugelassenen religiösen Stätten. Viele dieser Kameras sind mit dem Büro für öffentliche Sicherheit verbunden. Vertreter der kommunistischen Partei in Shanxi, Henan, Jiangxi, Shandong und anderen Provinzen haben damit gedroht, Sozialhilfeleistungen wie Renten zu streichen, wenn Christen sich weigern, christliche Bilder wie Kreuze durch Bilder von Präsident Xi Jinping zu ersetzen. Zur »Sinisierung« der Religion gehört auch die von sozialistischen Werten geleitete Neuinterpretation der Bibel.

Sowohl staatlich registrierte Drei-Selbst-Kirchen als auch nicht registrierte »Hauskirchen« erleben zunehmend die Beschlagnahmung von christlichem Material sowie Razzien, Geldstrafen und Verhaftungen von Gemeindeleitern. Priestern in der Provinz Jiangxi, die sich weigerten, der von der Regierung anerkannten Katholisch-Patriotischen Vereinigung beizutreten, wurde jegliche religiöse Tätigkeit untersagt.

Der Bischof der katholischen »Untergrundkirche« in der Diözese Mindong, der lange Zeit von den Behörden schikaniert worden war, trat zurück, um Platz für seinen von der Regierung genehmigten Nachfolger zu machen, der dann umgehend eine Delegation von 33 Priestern anführte, um sich über die »Sinisierung« der Religion zu informieren.
In Shandong und zunehmend auch andernorts müssen die Kirchen von der Regierung vorbereitete Plakate mit Bibelversen aushängen, die die zwölf Prinzipien veranschaulichen: Wohlstand, Demokratie, Höflichkeit, Harmonie, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Patriotismus, Hingabe, Integrität und Freundschaft.

Indien, Türkei: Nationalismus getrieben von mehrheitsreligiöser Identität auf dem Vormarsch 

Inmitten einer Welle des Hindu-Nationalismus stehen die indischen Christen täglich unter Druck. Der Bau eines Hindu-Tempels auf dem Gelände einer Moschee – ein zentrales Wahlversprechen von Premierminister Narendra Modi – ist ein großer Erfolg für seine nationalistische Unterstützerbasis. Die Botschaft »Um Inder zu sein, muss man Hindu sein« führt dazu, dass Mobs weiterhin Christen, aber auch Muslime angreifen.

Indien blockiert auch weiterhin das Fließen ausländischer Gelder an viele christlich geführte Krankenhäuser, Schulen und kirchliche Organisationen.
Auch der türkische Präsident Erdogan erfüllte die Erwartungen seiner Wähler, als er ein Gericht davon überzeugte, die ehemalige orthodox-christliche Kathedrale Hagia Sophia wieder in eine Moschee umzuwandeln. Einen Monat später wurde, weit weniger publik, ein weiteres UNESCO-Weltkulturerbe, die Chora-Kirche, von einem Museum in eine Moschee umgewandelt. 

In der Nähe der südöstlichen Grenze der Türkei wurde im Jänner 2020 ein chaldäisches christliches Ehepaar aus seinem isolierten Dorf entführt, dessen jahrhundertelange christliche Geschichte durch Angriffe der türkischen Armee und kurdische Diskriminierung zerstört worden war. Das Paar kehrte vor einem Jahrzehnt in seine Heimat zurück. Nachdem sie sich gegen die wiederholten Einschüchterungen der Behörden zur Flucht gewehrt hatten, waren sie die letzten Christen, die noch übrig waren. Die Leiche der Frau wurde im März gefunden; der Ehemann wird noch immer vermisst. 

Der türkische Einfluss breitet sich über seine Grenzen hinaus aus, vor allem durch die Unterstützung Aserbaidschans in seinem Konflikt mit Armenien um die weitgehend christliche Enklave Bergkarabach. Im Nordirak greift die Türkei weiterhin die Kurdische Arbeiterpartei an, die sie als terroristische Organisation betrachtet. Mindestens 25 christliche Dörfer wurden infolge solcher Angriffe seit Anfang 2020 geräumt.

Die von der Türkei vorgenommene Umsiedlung ihrer Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens zurück in den Nordosten Syriens verändert erneut die Demographie der Region. Das macht kurdische christliche Konvertiten aus dem Islam besonders verwundbar, ebenso wie die historischen Glaubensgemeinschaften.

Sudan: Einige gute Neuigkeiten

Der Sudan hat die Todesstrafe für Apostasie (d. h. den Abfall vom Islam) abgeschafft. Seine neue Verfassung garantiert Religionsfreiheit, hebt die Scharia als primäre Rechtsquelle auf und legt den Islam nicht länger als Staatsreligion fest – obwohl es nach 30 Jahren noch viel Widerstand gegen solch tiefgehende Veränderungen gibt; eine Verfassung ist einfacher zu ändern als eine kulturelle Denkweise. Aber das Leben für die 6 % Christen im Sudan verbessert sich. So wurden z. B. acht Gemeindeleiter, die seit drei Jahren angeklagt waren, von einem Gericht freigesprochen. 

Anmerkung:

Während der Berichtsperiode (1. Oktober 2019 bis 30. September 2020) erforderten die Restriktionen aufgrund von COVID-19 Anpassungen bei der Datenerhebung vor Ort. Dank zusätzlicher digitaler Werkzeuge und Expertenrecherchen ist Open Doors überzeugt, dass die Qualität und Zuverlässigkeit der Auswertung und Analyse des WVI 2021 aufrechterhalten werden konnten.

Index 2021: Trends und Entwicklungen (PDF)

AT