Gewalt in Afrika - digitale Überwachung in Asien

Wie schon 2019 gibt es 73 Länder auf der Welt, in denen Christen mit extremer, sehr schwerer oder schwerer Verfolgung konfrontiert sind. Der Index, der auf umfassenden Untersuchungen und Experteninterviews basiert, führt die Top 50 davon auf. Die wichtigsten Trends in der letzten Berichtsperiode (November 2018 bis Oktober 2019) sind die Ausbreitung des gewalttätigen militanten Islamismus in Afrika sowie in Asien die Entwicklung hin zur totalen digitalen Überwachung der Bürger in verschiedenen Staaten.

»Seit 1992 analysiert Open Doors die Notlage von Christen, die wegen ihres Glaubens auf der ganzen Welt verfolgt werden«, sagte Dan Ole Shani, CEO von Open Doors International. »Seit dem Weltverfolgungsindex 2002 gilt Nordkorea als das schlimmste Land für Christen, dieses Jahr dicht gefolgt von Afghanistan und dann Somalia. Dieses Jahr haben wir kaum Veränderungen in den Top 10 gesehen, zu denen auch vom Krieg betroffenen Länder wie Libyen und der Jemen gehören. Doch die Zahl der Länder, in denen Christen einem hohen Maß an Verfolgung ausgesetzt sind, ist aufgrund des zunehmenden Drucks und der Gewalt durch ihre Familien, Arbeitskollegen, Gemeinschaften, Polizei, Rechtssysteme und Staatsstrukturen gestiegen.«

1. Die Ausbreitung des gewalttätigen militanten Islamismus in Afrika

>> Nach dem Sturz des libyschen Präsidenten Gaddafi und dem daraus resultierenden Machtvakuum in Libyen breitet sich in Afrika südlich der Sahara eine islamistische Welle aus, die mit illegalen Geldgeschäften, Waffen- und Drogenhandel finanziert und vom organisierten Verbrechen unterstützt wird.

In schwachen oder »fragilen« Staaten, in denen Rechtsstaatlichkeit und Regierungsführung unwirksam sind, werden die betroffenen christlichen Gemeinschaften von ihren Regierungen nicht geschützt. Der Präsident von Mali (29) erklärte im November 2018, dass die bloße Existenz seines Landes durch Dschihadisten gefährdet sei.

Burkina Faso

Abseits der internationalen Schlagzeilen werden die Kirchen – auch wenn sie nicht die einzigen Opfer sind – stark angegriffen. Burkina Faso (28), seit jeher bekannt für seine religiöse Toleranz, ist (zum ersten Mal überhaupt) unter den Top 50, ebenso wie Kamerun (48).

In Burkina Faso sagen die Christen, dass sie ums Überleben kämpfen. Dutzende katholischer Priester wurden getötet; protestantische Pastoren und ihre Familien wurden von gewalttätigen militanten Islamisten umgebracht oder entführt. Dschihadisten haben Schulen durch so genannte »arabische« Schulen ersetzt; Kirchen, Geschäfte und Gesundheitszentren wurden niedergebrannt. Im Norden wurden über 200 Kirchen geschlossen und Tausende von Kirchenmitgliedern sind in Lager oder in den Süden geflohen.

»Islamistische Terroristen haben den Einwohnern ein Ultimatum gestellt, indem sie ihnen befohlen haben, zum Islam zu konvertieren oder ihre Häuser zu verlassen«, sagte eine Quelle. Typisch ist ein Vorfall vom April 2019: Kämpfer auf Motorrädern kamen zu einem Gottesdienst in einem Dorf in Burkina Faso. Sie beschlagnahmten alle Telefone und Ausweise und verbrannten Bibeln, bevor sie den Pastor und sechs andere nach draußen brachten, um sie zu erschießen; einer überlebte.

Westafrika und ZAR

Der radikale Islam, der tief verwurzelte regionale und lokale Konflikte überdeckt, bedroht das Kirchenleben in Mali (29), wo verschiedene radikal-islamistische Gruppen den Alltag kontrollieren. In Kamerun (48) sind Korruption und Sicherheit große Probleme. Das Land leidet unter der Gewalt im Norden, der immer noch eine Hochburg von Boko Haram ist. Das Leben der vertriebenen Christen und die kirchlichen Aktivitäten werden beeinträchtigt. Entführungen und Zwangsheirat von weiblichen Konvertitinnen aus dem Islam kommen regelmäßig vor.

Es gibt mindestens 27 namhafte islamistische Gruppen, die in verschiedenen Teilen Afrikas südlich der Sahara tätig sind; mal abgesehen von der Seleka, Ex-Seleka und anderen Milizen, die sich in der Zentralafrikanischen Republik (25) noch immer im Krieg befinden. Die Situation hier ist zunehmend komplex, da mehrere kriminelle Gruppen von allen Seiten her auftauchen. Tötungen und die Zerstörung von Eigentum und Kirchen sind weit verbreitet: Im November 2018 setzten Angehörige einer Miliz die Kathedrale in Alindao in Brand und zerstörten das von ihr geführte Flüchtlingslager. 115 Menschen, hauptsächlich Christen, wurden getötet.

Nigeria

In Nigeria (12) ist gemäß der International Crisis Group die Gewalt durch muslimische Fulani-Hirten sechs Mal so tödlich wie die von Boko Haram. Im Norden gibt es immer wieder Angriffe auf Bauern, Kirchen und ganze Dörfer. Aber die Gewalt breitet sich auch in Gemeinschaften im mittleren Teil Nigerias aus, die bisher als sicher galten, zum Beispiel im Bundesstaat Plateau und sogar weiter südlich.

Der »Islamische Staat Westafrikanische Provinz« (ISWAP), der sich von Boko Haram abgespalten hat, hat christliche Hilfsarbeiter enthauptet und Videobotschaften veröffentlicht, in denen sie ankündigen, dass sie jeden Christen, den sie gefangen nehmen, töten werden aus Rache für in der Vergangenheit getötete Muslime. Sie halten weiterhin Frauen und Mädchen fest, darunter mindestens eine, Leah Sharibu, weil sie als 14-Jährige ihren christlichen Glauben nicht aufgeben wollte.

Gewalt gegen Frauen

Die Entführung christlicher Frauen und Mädchen beschränkt sich jedoch nicht nur auf militante Gruppen. Berichte zeigen, dass christliche Teenagerinnen manchmal von Menschen innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft entführt, missbraucht, gewaltsam zum Islam bekehrt und zwangsverheiratet werden, und das alles scheinbar ungestraft.

Die Berichte über die Behandlung nigerianischer und anderer westafrikanischer Mädchen sind vergleichbar mit denen koptischer christlicher Mädchen in Ägypten (16), wo ein ehemaliger Entführer kürzlich zugab, dass sie für jedes koptische christliche Mädchen, das sie entführen, bezahlt werden.

Süd- und Südostasien

Der Einfluss der radikal-islamistischen Ideologie zeigt sich auch in völlig unerwarteten Gräueltaten wie denen in Sri Lanka (30) an Ostern 2019. Bei Angriffen auf katholische und protestantische Kirchen und Hotels starben über 250 Menschen und mehr als 500 wurden verletzt. 20 Menschen starben im Jänner 2019 auf den südlichen Philippinen (nicht unter den Top 50) und über 100 wurden verletzt, als Kämpfer der Abu Sayyaf, die dem Islamischen Staat die Treue geschworen haben, zwei Bomben in und um der Kathedrale von Jolo zündeten.

In Pakistan (5) ist angesichts der Stärke seiner radikal-islamistischen Gruppen in naher Zukunft keine Lockerung der Blasphemiegesetze zu erwarten, auch nicht nach der Freilassung Asia Bibis. Mehr als 20 Christen sind noch immer im Gefängnis, weil sie wegen Blasphemie angeklagt oder verurteilt wurden.

2. Digitale Verfolgung – Der Aufstieg des Überwachungsstaates

>> China und andere autoritäre Staaten, die die Religionsfreiheit bereits stark einschränken, erhöhen die Kontrolle mit Hilfe von biometrischen Technologien und künstlicher Intelligenz.

Heute gibt es in China (23) nachweislich mehr Christen als Mitglieder der Kommunistischen Partei. Sie scheinen für die Regierung von Präsident Xi Jinping eine Bedrohung zu sein, weil sie eine höhere Macht als ihn und die Partei anbeten, wie dies auch andere religiöse Gruppen tun. Es gibt Schätzungen, dass mehr als eine Million uigurische Muslime in Gefangenenlagern in Xinjiang sind, wo es Hinweise auf eine »systematische Gehirnwäsche« gibt.

Während es unmöglich ist, 90 Millionen Christen zu inhaftieren, ist es gewissermaßen mehr möglich, sie zu überwachen. Selbst registrierte Kirchen müssen manchmal nicht nur ihre Kreuze entfernen und sich einer endlosen bürokratischen Überwachung stellen, sondern zunehmend auch Kameras und Gesichtserkennungstechnologie installieren. Mindestens eine Staatskirche in Xinjiang ist bekannt dafür, dass sie von ihren Mitgliedern verlangt, sich vor dem Gottesdienst? für die Gesichtserkennung anzustellen.

In Testläufen eines Sozialkreditsystems (SCS), nach dem die Behörden alle bewerten wollen, um eine gute Staatsbürgerschaft zu belohnen und eine schlechte zu bestrafen, soll eine Kommune (Rongcheng in der Provinz Shandong) beschlossen haben, Strafen für diejenigen einzuführen, die das Christentum »illegal verbreiten« .

Aber auch die Vorschriften für religiöse Angelegenheiten, die nun seit fast zwei Jahren landesweit gelten, schränken die Religionsfreiheit ein. Kindern unter 18 Jahren ist der Besuch von Kirchen strengstens untersagt.

Indien

In Indien (10) breitet sich während der zweiten Amtszeit der von der BJP geführten Regierung die ultra-nationalistische Hindutva-Ideologie (nach der man Hindu sein muss, um Inder zu sein) weiter aus. Auch hier schreitet die Entwicklung biometrisch basierter Überwachungssysteme weiter voran. Ab 2020 will die indische Regierung ein nationales Gesichtserkennungssystem einführen, das ihren Angaben zufolge lediglich die Arbeit der Polizei erleichtern soll. Aber die Technologie hat sich bei der Identifizierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe als ungenau erwiesen und birgt daher die Gefahr in sich, systemische Diskriminierung zu institutionalisieren. Mit mindestens 447 registrierten Gewalttaten und Hassverbrechen gegen Christen in diesem Jahr (inmitten eines Klimas der Straffreiheit aufgrund von Untätigkeit und sogar stillschweigendem Einverständnis der Polizei), befürchten die Christen weitere Angriffe.

3. Aufsteiger auf dem Index

Zu den Aufsteigern des WVI gehören Algerien (17), wo etwa 1/3 der schätzungsweise 129.000 Christen zur Eglise Protestante d'Algérie (EPA) gehören. 11 Kirchen der EPA wurden während der 12-monatigen Berichtsperiode geschlossen und ihr Präsident und andere wurden angegriffen, als die Behörden im Oktober seine Kirche mit 1000 Mitgliedern schlossen. In Marokko (26) bleibt der Druck in allen Lebensbereichen sehr hoch, ist für das kirchliche Leben jedoch »extrem«. Die Bedrohung durch Gewalt von militanten Islamisten ist eine Gefahr für die Kirche in Bangladesch (38), insbesondere in ländlichen Regionen.

Schließlich weisen neben den 50 Ländern des Weltverfolgungsindex 23 weitere Länder (Rang 51-73) ebenfalls »hohe« Verfolgung auf. Dazu gehören Länder, die 2019 auf dem Index standen, die Palästinensergebiete, Mexiko, Aserbaidschan, aber auch der Tschad und Tansania, wo die Verfolgung von Christen erheblich zugenommen hat.

Index 2020: Trends und Entwicklungen (PDF)

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